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  • Rehme in Westfalen hilft Rehme in Sachsen.

    Von Horst Jäcker

    Als gebürtiger Rehmer, an seiner Heimat Interessierter und als Mitgründer des Rehmer Heimatvereins, habe ich schon seit etlichen Jahren in der ganzen Welt vergeblich nach einem Ort gesucht, der Rehme, wie unser über 1250 Jahre altes Weserdorf, heißt. Orte mit ähnlicher Namenschreibung sind mir dabei begegnet, aber niemals ein richtiges „REHME“.

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    Rehme in Westfalen hilft Rehme in Sachsen

    Revolution in Rehme.

    Die folgende Geschichte stand am 28. März 1931 in einer Unterhaltungsbeilage vom „Anzeiger & Tageblatt“ Bad Oeynhausen.

    Ausgegraben von Horst Jäcker

    Es war das Sturmjahr 1848. Im alten Kirchdorf Rehme war bis zu dieser Zeit nichts oder nur wenig vom revolutionärem Geiste zu spüren gewesen. Da kam eines Tages auch in das Weserdorf die Nachricht von der Revolution in Berlin. …

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    Pastor Schreiber und die Revolution in Rehme 

     

     

    Seemannsgarn im Rehmer Fährhaus.

    Der Rehmer Kirchturm war den Weserschiffern ein Dorn im Auge.

    Ausgegraben von Horst Jäcker

    In einer Bad Oeynhausener Tageszeitung vom 12. Januar 1949 stand ein recht interessanter Artikel über die Weserschifffahrt. Abgespielt hatte sich das damals am jetzigen „Alten Fährhaus“, in dem zu der Zeit noch keine Gaststätte, sondern der Wohnsitz der Familie Diekmann war. . .

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    Seemannsgarn im Fährhaus Diekmann

     


    Drei Geschichten aus Carla Berlings “Elf Sommer in Rehme”

    Vorwort
    Wenn ich auch kein Rehmer Butcher bin, so bin ich doch Rehmerin. Rehmer Butcher ist jemand, der direkt im Ort geboren und dort sein Leben lang geblieben ist, so hat es mir einmal ein echter Einheimischer erklärt. “Wenn du in der Klinik von Dr. Strempel in der Roonstraße oder im Krankenhaus geboren bist, dann biste kein echter Butcher – auch nicht, wenn du schon immer hier gelebt hast” sagte er.

    Also bin ich “nur” Rehmer Bürgerin. - Soviel zur genauen Zuordnung.
    Die Jahre zwischen 1963 bis 1974 habe ich in Rehme verbracht – es war eine schöne Zeit. Ich denke gern an diese elf Jahre zurück, die mir ein tiefes Gefühl von Heimat und Zugehörigkeit geschenkt haben.
    Die Erinnerungen, von denen ich hier erzähle, haben keinen Anspruch auf die absolute Wahrheit: Vieles ist nach den Jahren verwischt, vieles vielleicht nicht ganz authentisch. Auch mag mich mein Gedächtnis dann und wann während der Niederschrift genarrt haben – ohne Absicht allerdings.
    Die Aufzeichnungen über “Elf Sommer in Rehme” sind sehr subjektive Empfindungen und Erinnerungen an einen heimeligen, liebenswerten Ort.
    1963 zogen meine Eltern mit mir in eine kleine Zweizimmerwohnung am Alten Rehmer Weg, gegenüber der alten Bäckerei Schürmann.
    Damals war ich knapp drei Jahre alt: Ein Schlafraum, eine Wohnküche und ein Plumpsklosett auf dem Flur, ein Hühnerstall mit einem streitsüchtigen Gockel im Garten – an viel mehr kann ich mich nicht erinnern.
    Aufgewachsen sind meine Geschwister und ich später in einem Zweifamilienhaus in der Eschentorstraße, unmittelbar im alten Ortskern. Nur dort ist für mich wirklich Rehme – da steht die Kirche tatsächlich mitten im Dorf.
    Rehme war unser Zuhause, hier kannten wir jeden Winkel, jede Straße, fast jede Familie. Kaum ein Haus gab es, in dem wir nicht irgendwann gewesen waren oder – wenigstens beim Martin-Luther-Singen – einen verstohlen neugierigen Blick in den Hausflur getan hatten. Wir wußten, wer im Erdgeschoß und wer unter dem Dach wohnte, wir kannten die Gärten, aus denen man am gefahrlosesten Erdbeeren, Kirschen, Äpfel oder rote Johannisbeeren stibitzen konnten. Wir wußten, wer den Kindern Süßigkeiten schenkte und wo man sich für leichte Botengänge zu Tepe, Backs, Rosellen oder zur Post zwanzig Pfennige verdienen konnte. Wir fühlten uns in Rehme sicher und geborgen.
    Inzwischen lebe ich seit vielen Jahren im Rheinland. Mehrmals im Jahr besuche ich meine Familie in Bad Oeynhausen – und es vergeht kein Urlaub, in dem ich nicht durch die Rehmer Straßen gehe und alles so vor mir sehe, wie es damals war.

    Heiligabend

    Weihnachten, am Heiligabend, gingen wir gerne zum Gottesdienst – und wirklich nicht nur, weil die endlose Zeit bis zur sehnlichst erwarteten Bescherung dann viel schneller verging.
    Nein, Heiligabend war es in der Kirche wirklich sehr schön und feierlich. Ein riesiger Tannenbaum mit unzähligen Kerzen stand vor den Stufen zum Altarraum der Kirche, er verbreitete herrlichen Duft und eine festliche Stimmung.
    In der Kuppel über dem Altar hing in jedem Jahr ein großer, orangefarbener Stern mit vielen spitzen Zacken, er war von innen beleuchtet. Der überdimensionale Adventskranz war an breiten roten Bändern befestigt, vier dicke rote Kerzen signalisierten: “Heute ist es soweit.”
    Nachmittags um vier begann der Kindergottesdienst – und das Schönste daran war das Krippenspiel.
    Es wurde von den Jungen und Mädchen aufgeführt, die den kirchlichen Unterricht besuchten. Pastor Huneke kümmerte sich um die Inszenierung, die Kostüme und Requisiten waren in jedem Jahr die gleichen – und diese Tradition gefiel mir sehr gut.
    Einmal, ich gehörte zu den Konfirmandinnen, durfte ich die Rolle der Maria spielen. Ich war sehr stolz, diese ehrenvolle Aufgabe übernehmen zu dürfen und widmete mich dem Studium meines kurzen Textes wochenlang mit beinahe professioneller Ernsthaftigkeit. Mein Kostüm war beeindruckend: Ich trug den langen glänzenden Umhang aus stahlblauem Satin und eine Art Kleid aus burgunderrotem Samt.
    Als ich dann – mit vor Aufregung wild klopfendem Herzen – im Halbdunkel des Altarraumes vor der hölzernen Krippe saß, der “Josef” neben mir stand und über uns der leuchtende Stern hing, war das einer der feierlichsten Momente, den ich als Kind jemals erlebte.
    Und als dann die Rehmer Gemeinde geschlossen aufstand und in einem beeindruckenden Chor inbrünstig “Stille Nacht” sang, Pastor Hunekes Stimme war laut und deutlich herauszuhören, da saß ich vor der Holzkrippe, starrte mit glasigen Augen auf die darinnen liegende Babypuppe, hielt mich beinahe für die echte Maria und konnte vor lauter Rührung gar nicht mehr aufhören zu weinen.
    Ich erinnere mich an einen anderen Heiligen Abend besonders gut, es muß 1968 oder 1969 gewesen sein.
    Als wir die Kirche nach dem Gottesdienst verließen, war ein kleines Wunder geschehen: Es war inzwischen dunkel geworden und – es hatte kräftig geschneit.
    Auf dem Vorplatz der Kirche stand damals noch das windschiefe Pfarr- und Küsterhaus. Das erste, was wir beim Verlassen des Kirchenportals sahen, war das Dach des uralten Gebäudes: Es war von einer dicken Schneeschicht bedeckt und der Rauch, der aus dem geneigten Schornstein emporstieg, sah aus, als sei er aus Watte.
    Unzählige Schneeflocken sanken sanft und wie in Zeitlupe nieder, es war ganz gemächlich über dem Marktplatz nieder und jedes Geräusch klang so gedämpft, als käme es aus weiter Ferne.
    Wir stapften selig durch das unberührte Weiß nach Hause und betonten bei jedem Schritt feierlich, daß noch niemand vor uns genau diesen Schnee je betreten hatte.
    Über den Marktplatz gingen wir vorbei am Hof von Bauer Finke und dem alten Dorfkrug, hinterließen Spuren in der geschlossenen Schneedecke auf dem Schulhof, bestaunten die weißgepuderten knorrigen Äste der mächtigen Linden, rannten einmal “Oh Tannenbaum” singend rund ums Kriegerdenkmal und schoben dann mit bloßen Händen den Schnee auf Körtners Mauer vor uns her.
    Wir hielten unsere Gesichter gegen den Himmel und ließen die Schneeflocken auf unseren Zungen schmelzen. Es schmeckte nach Winter und nach Weihnachten und ich war unbeschreiblich glücklich.
    Mir war so festlich zumute, daß ich glaubte, jeden Moment dem Christkind persönlich zu begegnen – obwohl ich gar nicht mehr daran glaubte.
    Zuhause angekommen, zogen wir die klammen Socken aus, wärmten wir die steifgefrorenen Zehen am bullernden Küchenofen und lauschten mit klopfenden Herzen auf die Geräusche aus dem verschlossenen Wohnzimmer.
    Es roch nach Apfelsinen und Nüssen, nach Tannengrün und ausgepusteten Streichhölzern.
    Scheinbar ewig dauerte es, bis endlich das Glöckchen klingelte und die Eltern uns in die “Stube” kommen ließen. Die elektrischen Kerzen am bunt geschmückten Weihnachtsbaum verbreiteten wunderbares Licht, das sich im Silberlametta brach, in Stanniol verpackte, herz-, kugel- oder tannenbaumförmige Süßigkeiten pendelten an den Zweigen des Baumes und mit verstohlenen Blicken versuchten wir, einen Blick auf die Geschenke zu erhaschen.
    Doch zunächst galt es die Tradition zu pflegen: Im Türrahmen blieben wir stehen und stellten uns der Größe nach auf. Und während wir – völlig schief und gräßlich unmusikalisch – “Oh du fröhliche” sangen oder ein Gedicht schnell und ohne Betonung aufsagten, schielten wir zu den drei Päckchenhaufen, die säuberlich neben den bunten Tellern unter dem Christbaum aufgeschichtet waren.
    Später, nach der Bescherung, die eigentlich selten länger als ein paar Minuten dauerte, taten unsere Eltern so, als hätten sie überhaupt keine Ahnung:
    “Was hat der Weihnachtsmann dir denn gebracht?” fragten sie scheinbar neugierig einen nach dem anderen – dabei waren wir längst “aufgeklärt”.
    Natürlich spielten wir das Spiel mit – Weihnachten ohne Weihnachtsmann und Christkind ist auch, wenn man über acht Jahre alt – somit fast erwachsen – ist, einfach nicht richtig echt.
    Unsere Geschenke waren fair verteilt: Jeder bekam meist einen großen Wunsch erfüllt, ein oder zwei kleinere Überraschungen und einen bunten Teller.
    Nüsse und Mandarinen, herzhafte Boskop-Äpfel, in buntes Stanniol verpackte Schokoladenkugeln, Marzipankartoffeln und “Knickebein” gehörten immer dazu.
    Wir aßen kalt am Heiligabend: Weißbrot, zu Dreiecken geschnitten und mit pinkfarbenem Heringssalat oder leuchtend roten Lachsersatzschnitzeln belegt oder Muttis speziellen – inzwischen legendären – Kartoffelsalat mit Bock-wurst.
    Gegen acht gingen wir in unser Kinderzimmer, die Geschenke blieben im Wohnzimmer. Am ersten Weihnachtstag kam unsere Oma zu Besuch. Wir holten sie am Rehmer Eck von der Bushaltestelle ab.
    Bei ihr hatte der Weihnachtsmann irrtümlich, wie die Erwachsenen uns unglaubwürdig versicherten, Geschenke abgegeben, die sie uns nun brachte.
    Oma aß mit uns zu Mittag – und wenn der Abwasch getan und die Küche wieder sauber war, gingen wir alle gemeinsam im Dorf spazieren.
    Die Großen gingen voran und die Kinder liefen hinterher: Gelangweilt, miteinander zankend und schlecht gelaunt, denn viel lieber wären wir daheim geblieben und hätten mit unseren Geschenken gespielt.

    Oheim

    Im Rehme lebte damals ein alter Mann, den jeder Oheim nannte. Er war nicht ganz richtig im Kopf, so schien es jedenfalls und so erzählten es sich die Leute. Oheim war ein Verwandter der Bauern am Marktplatz und verbrachte seinen Lebensabend auf deren Hof.
    Ob es Sommer oder Winter war – Oheim trug stets einen alten grauen Kittel, der ihm zu eng war und über dem dicken Bauch spannte.
    Er schlurfte in braungelb karierten Filzpuschen durch die Straßen und trug eine schneeweiße, lebendige Gans unter dem Arm. Sie hieß Elisabeth.
    Oheims graues, dichtes Haar war kurz geschnitten und stand unentschlossen in allen Richtungen von seinem großen Schädel ab, helle, freundlich blickende Augen und ein ewiges Lächeln prägten sein Gesicht.
    Ich glaube, er war ein sehr friedlicher, scheuer Mensch. Wenn er etwas sagte, sprach er zwar langsam und laut, dennoch konnte ich ihn meistens nicht verstehen.
    Wenn im Dorf Rehmer Markt stattfand oder das Schützenfest gefeiert wurde, lief Oheim anschließend oft mit blutverkrusteten Wunden im Gesicht herum. Bei fast jedem Fest fand sich jemand, der ihn verprügelte.
    Der Alte provozierte anständige, betrunkene Bürger – wahrscheinlich durch seine grundlose Freundlichkeit und seine gutmütige Dummheit.
    Manchmal saß Oheim auf einer Bank neben der Schule, hielt die Gans Elisabeth fest unter seinem Arm umklammert und wiegte sich lächelnd hin und her. Wie ein kleines Kind, das auf dem unsichtbaren Schoß einer unsichtbaren Mutter sitzt und einer harmonischen, unhörbaren Musik lauscht.
    Nur Oheim schien den Rhythmus der lautlosen Melodie zu hören und zu spüren.
    Wenn er durchs Dorf schlurfte, riefen wir Kinder von weitem, aus sicherer Entfernung vor dem “Verrückten”: “Hey Oheim! Haste mal ‘ne Mark?” Und dann wühlte der Alte eifrig und freudig lächelnd in seinen Kittel- und Hosentaschen, kramte ein paar Münzen hervor und hielt sie uns mit ausgestrecktem Arm hin. Wer es wagte, der rannte zu ihm, klaubte die Münze aus der alten, rissigen Hand und lief eilig zurück zu den anderen. Gellend lachend über die Dummheit des Doofen, der echtes Geld einfach so verschenkte, flohen wir und zählten die ergaunerte Beute.
    Manchmal waren es silberne Markstücke, manchmal nur Groschen oder ein paar Pfennige. Kein Dank, kein Lächeln, kein freundliches Wort, keine Geste der Sympathie galt Oheim – der Alte bekam für seine Gutmütigkeit als einzige Aufmerksamkeit Spott und höhnisches Gelächter.
    Auch ich war oft dabei, wenn wir laut und aus sicherer Entfernung schrien: ”Oheim ist blöhöd!”
    Ich schäme mich heute dafür.
    Später erfuhr ich, daß Oheim keineswegs ein “Dorftrottel” war: Er hatte Abitur, war von Beruf Buchhalter und war um die Zeit des ersten Weltkrieges sogar bis nach Afrika gekommen.
    Er trank zuviel – der Alkohol hatte ihn zuletzt ein bißchen eigenartig werden lassen.

    Rehmer Markt

    Ein absoluter Höhepunkt des Dorflebens fand – und findet noch – jedes Jahr in der letzten Augustwoche statt: Der Rehmer Markt.
    Er ist einer der ältesten Märkte seiner Art in der ganzen Region, war früher Vieh- und Krammarkt und hat sich, obwohl er später immer mehr zur Kirmes wurde, viel von seiner Atmosphäre bewahrt. Die Buden und Stände verwandeln die Kirchstraße in eine enge, betriebsame Händlergasse, Propagandisten preisen eingelegte Gurken, Fensterputzmittel, Heizkissen und Blumenzwiebeln an, wer die lauteste Stimme hat, kann die meisten Schaulustigen oder Käufer anlocken. Die Frauen des Gartenbauvereins bieten leckere selbstgemachte Marmeladen und eingeweckte Spezialitäten feil, es gibt Erbsensuppe aus der Gulaschkanone, Bratwurst und Reibekuchen, Zuckerwatte und süße Waffeln.
    Karussells und Schießbuden ducken sich dicht gedrängt vor den Häusern an der Kirche und auf dem Marktplatz tummeln sich Tausende beim traditionellen Volksfest.
    Schon wochenlang vorher sparten ich mein Taschengeld und zählte die Tage, bis es endlich soweit war. Schon Tage vor dem Fest wurden die ersten Stände aufgebaut, und am Mittwoch verwandelte sich der Marktplatz vor der Kirche endlich in den bunten Rummelplatz, es roch nach Popcorn und Bier, Bratwurst und Zuckerwatte, gebrannten Mandeln, Sägespänen und Pferdemist. Im Garten des Dorfkruges war nämlich eine kleine Manege aufgebaut, in der die Kinder auf Ponys reiten konnten.
    Vom Kettenkarussel und Steuer’s legendärer Raupe dröhnte laute Musik, Stimmengewirr und Lachen erfüllten den Platz, es war herrlich.
    Als ich etwa 13 Jahre alt war, bekam der Rehmer Markt noch einen anderen Stellenwert: Für die minderjährige Dorfjugend war er eine Art Diskotheken-Ersatz. Die Raupe war der Treffpunkt.
    Auf den lackierten Holzdielen rund um die sich drehenden Waggons waren die begehrten Zuschauerstehplätze, man saß auf den Geländern und auf den Stufen der Aufgänge, genoß die Musik und die aufregende Atmosphäre.
    Die “Raupe” war mit bunten Blumen bemalt und hatte ein grünes Verdeck, das sich am Ende jeder Fahrt nach einem lauten Hupton stockend über die Insassen wölbte. In einer Kabine neben dem Kassenhäuschen saß ein langhaariger Diskjockey, legte die allerneuesten Schallplatten auf und ließ uns erröten, wenn er seine Sprüche losließ. “Die kleine Brünette in Wagen fünf, hallo schaut alle her, was hat dich Mutti heute wieder feingemacht!” – das war einer der Standardwitze. Immer im Repertoire des Moderators: Das Gedicht “Der Kuß”. “Ein Kuß ist, wenn’s Geräusch entsteht, als wenn ‘ne Kuh durch Matsche geht…”
    Wer “in” sein wollte, überstand die rasante Fahrt lässig im Waggon stehend: Breitbeinig, die Hände in den Taschen der “Schlaghose” oder der Nietenhose, das in der Mitte gescheitelte Haar flatterte im Wind und der Gesichtsausdruck glich einem Pokerface. Natürlich wollte sich niemand die Anstrengung der freihändigen Fahr anmerken lassen. Wer einen guten Draht zum Diskjockey hatte, wünschte sich vor der Fahrt seinen Lieblingstitel. “Block Buster” von Sweet, “Am Tag als Conny Kramer starb” von Juliane Werding und “Hello A” von Mouth und MacNeal waren die Hits dieser Tage.
    Die Mitarbeiter von Steuer’s Raupe waren beinahe Artisten, einige von ihnen sprangen während der Minuten, in denen sich das Karussell am schnellsten drehte, lässig auf die Trittbretter der Wagen und schäkerten mit den jungen Mädchen. Und wenn das Verdeck heruntergelassen wurde, hatten die Fahrgäste Zeit für ein oder zwei verstohlene Küßchen im Dunkeln…
    Und so war ich Mittwochs nachmittags mit meiner Freundin zum Rehmer Markt gepilgert. Voller Aufregung und vor guter Laune ununterbrochen kichernd machten wir am Kriegerdenkmal Station, um uns heimlich zu schminken. Ich besaß – natürlich ohne Wissen meiner Mutter – Spucktusche: In einer kleinen Dose befand sich eine feste schwarze Masse, die ich mit Spucke befeuchtete und mit einer Plastikbürste auf die Wimpern strich. Meine Freundin hatte einen rosa Lippenstift, den wir schwesterlich beide benutzten – und sie hatte Lederbänder mitgebracht. Die langen dünnen Schnüre gab es im Müllcontainer der Lederwarenfabrik Schuchard und Friese am Alten Rehmer Weg. Wir ersetzten den artigen Seitenscheitel und die braune Klemme am Haaransatz durch einen schnurgeraden Mittelscheitel und banden uns die Lederbänder nach Indianermanier um die Stirn. Natürlich hatte ich mich zu diesem besonderen Anlaß besonders feingemacht: Ich trug eine durchfallfarbene Kordhose mit weitem Schlag, eine helle Hemdbluse und einen grellorange und grellgrün gemusterten Pullunder. Kathi und ich knoteten unsere Blusen in der Taille und ließen dabei ein Stück nackten Bauch sehen und öffneten die obersten Knöpfe. (Ich war heimlich ohne das vorgeschriebene Unterhemd aus dem Haus gegangen.) Wir fanden uns todschick und unendlich erwachsen.
    Ich wollte total “in” sein und hatte für den Rehmer Markt wochenlang vorher geübt, Zigaretten zu paffen, ohne zu husten und mich zu übergeben.
    Am Marktplatz angekommen, besorgte ich mir sofort mehrere Fahrchips für die Raupe, zündete mir eine lässig “Güldenring” an, inhalierte gekonnt und stellte mich in einem der bunt lackierten Waggons auf. Der Karteneinsammler, ein ganz netter junger Kerl, sprang in meinen Wagen, hatte eine Zigarette im Mundwinkel und eine fast leere Flasche in der Hand. Plötzlich schien er jemandem auf dem Platz zu entdecken, drückte mir die Flasche Bier in die Hand und sagte “Halt mal!” Ich stand also in der Raupe, war geschminkt wie ein Zirkuspferd, aufgetakelt wie Popstar aus der ZDF-Hitparade, hielt lieblich und glücklich lächelnd Bier und Kippe fest, als die Katastrophe passierte:
    Ich sah meine Mutter an der Treppe stehen – und mich mit strengstem Blick anschauen.
    Mir wurde heiß und kalt vor Schreck, ich ließ Flasche und Zigarette einfach in das Dunkel unter dem fahrenden Wagen fallen, aber es war zu spät. Ich weiß nicht, seit wann sie da gestanden hatte, aber sie hatte mich längst und es gab keinen Fluchtweg. Das Verdeck der Raupe schloß sich, nachdem das Signal ertönt war, die Fahrt wurde langsamer, mein Herz raste immer schneller, ich suchte in den wenigen Sekunden, die mir blieben, bis ich das Karussell verlassen und meine Mutter erreicht hatte, fieberhaft nach Erklärungen für mein Benehmen und mein Aussehen.
    Ich fand keine. Ich schlenderte betont unschuldig auf sie zu, öffnete den Mund, um ein verlegenes “High!” zu stammeln und bekam eine Backpfeife. Meine Mutter schob mich resolut vom Platz, alle haben es gesehen und es war mir schrecklich peinlich und ich schämte mich in Grund und Boden.
    Und der Rehmer Markt hatte sich in diesem Jahr für mich erledigt.

    Wer mehr von Carla Berling lesen oder hören möchte, kann sich über ihre Bücher und Lesungen auf der Internetseite www.carla-berling.de informieren.

    Aus dem Amt Rehme um 1860

    Nach den Ergebnissen der Volkszählung von 1861 wurde der Kreis Minden von 66 760 Menschen bewohnt. Davon entfiel etwa der sechste Teil auf das Amt Rehme (Einschließlich Oeynhausen, das damals eine Stadt mit Landgemeindeordnung war). Im einzelnen wurden folgende Bevölkerungszahlen festgestellt:
    Stadt Oeynhausen mit 1317 Einwohnern und 178 Wohnhäusern, Rehme-Dorf mit 719 Einwohnern und 102 Wohnhäusern, Oberbecksen mit 493 Einwohnern und 76 Wohnhäusern, Babbenhausen mit 304 Einwohnern und 65 Wohnhäusern, Cappenberg mit 315 Einwohnern und 40 Wohnhäusern, Hüffe mit 308 Einwohnern und 39 Wohnhäusern, Lohe und Wenden mit 555 Einwohnern und 191 Wohnhäusern, Weserhütte – Eisengießerei mit 13 Einwohnern und 2 Wohnhäusern, Gut Deesberg mit 30 Einwohnern und 3 Wohnhäusern, Dehme – Dorf mit 672 Einwohnern und 113 Wohnhäusern, Hahnenkamp mit 137 Einwohnern und 20 Wohnhäusern, Eidinghausen – Dorf mit 413 Einwohnern und 67 Wohnhäusern, Rittergut Ovelgönne mit 25 Einwohnern und 4 Wohnhäusern, Bad und Colonie Oexen mit 177 Einwohnern und 32 Wohnhäusern, Werste mit 1030 Einwohnern und 163 Wohnhäusern, Wulferdingsen 1073 Einwohnern und Volmerdingsen mit 1673 Einwohnern. (Die Anzahl der Häuser geht bei den beiden letzten Ortsteilen aus den Aufzeichnungen nicht hervor.) Aus dem Spiegel der Volkszählung.
    Verwaltung und Polizei
    Willy Ohm hat oft über das Rehmer Gefängnis, das „Ohmsche Loch“, das von seinem Großvater betrieben wurde, berichtet.
    Willi Ohm 2 Wilhelm Ohm Willi Ohm 3_7 
    Hierzu fanden wir weitere Hinweise: „An der Spitze des Amtes Rehme stand der Amtmann von Sothen. Er übte auch die Polizeigewalt aus. Als ausführende Beamte waren drei „Polizeidiener“ seines Winkes gegenwärtig, von denen der erste den Titel Polizeiwachtmeister führte und ein Gehalt von 200 Talern jährlich bezog. Die beiden anderen mußten mit 120 bzw. 90 Talern zufrieden sein. Das Amt Rehme hatte ein, für jene Zeit, ziemlich großes „Polizeikorps“. Das Amt Dützen begnügte sich damals mit einem einzigen Polizisten bei 6700 Einwohnern. Man darf aber nicht vergessen, daß Bad Oeynhausen, als Bestandteil des Amtes Rehme, im Hinblick auf Polizei ganz besondere Ansprüche stellte. Die Polizeibeamten Finselbach, Carls und Meyer hatten alle Hände voll zu tun, wenn sie ihren Pflichten nachkommen wollten. In den Jahren 1859 bis 1861 erfolgten im Amtsbezirk allein 715 „vorläufige Straffestsetzungen“. In demselben Zeitraum kamen fast 620 Taler Strafgelder in die Kasse. 118 Berufungen wurden vor den Polizeirichter gebracht und 66 Diebstähle waren zu registrieren, von denen in 46 Fällen die Täter entdeckt werden konnten. (Sicherlich wird man heute neidisch auf diese gute Aufklärungsquote von damals sein!!)
    Das Amt verfügte über ein, „im guten Zustand befindliches und mit allen erforderlichen Utensilien ausgerüstetes, Arrest – -Lokal“ mit zwei Gefangenenzellen. Hier waltete „Vater Ohm“ als Gefangenenwärter seines Amtes. 171 Gefangene wurden in den oben erwähnten drei Jahren in „Ohms Loch“ am Alten Rehmer Weg eingeliefert. 46 von ihnen mußte der alte Ohm zum Kreisgericht nach Minden bringen. 67 Taler, 8 Silbergroschen und einen Pfennig verschlang das Gefängnis an laufenden Ausgaben, einschließlich Beköstigung der Insassen. 25 Einwohner des Amtes standen unter Polizeiaufsicht und 8 wurden innerhalb des angegebenen Zeitraumes zur “Correktionshaft“ verurteilt. Neben den Polizisten im südlichen Teil des Amtes sorgte noch der Fußgendarm Lücking für die öffentliche Sicherheit, während der nördliche Teil (Volmerdingsen und Wulferdingsen) zum Bezirk des Dützener Gendarms Leue in Rothenuffeln gehörte.

    Alex, das vorletzte Pferd der Familie von Ditzen

    Im Jahre 1953 machte Gerhard Beer, ein verstorbenes Mitglied des Rehmer Heimatvereins, einen Spaziergang durch Rehme. Dabei „schoß“ der begeisterte Hobbyphotograf ein Bild vom Fachwerkhaus von Ditzen. Damals ahnte er nicht, daß dieses Bild für die Rehmer Heimatfreunde mal einen besonderen Wert bekommen würde. Er hatte nämlich auch „Alex“, das vorletzte Pferd auf dem Hof, mit auf’s Bild gebannt.

    Rehmer Schäferhundeverein

     Mitglied in der Fachschaft für Deutsche Schäferhunde.

      „Bodo von der Rehmer Insel“

    Zu diesem Bild, aus der Photokiste von Karl-Heinz Rottwilm, gab Heinz Fattiger vor ein paar Jahren folgende Hinweise: „Im Gegensatz zu den Gebrauchshundevereinen , war dies ein Verein nur für Besitzer von Schäferhunden. Die Zugehörigkeit zur „Fachschaft für Deutsche Schäferhunde“ war ein Beweis für die gute Qualität der Hundeausbildung in Rehme. Das Vereinslokal war der „Dorfkrug“, die „Gaststätte Uhe“. Das Bild wurde im Jahre 1939 an der Weser gemacht. Im Hintergrund ist das Wiehengebirge zu erkennen. Der Verein hat sich während des 2. Weltkrieges aufgelöst. Das Photo zeigt: Ganz rechts, Karl von Ditzen. Er wäre, wenn er nicht im 2. Weltkrieg gefallen wäre, der Erbe des Hofes von Ditzen, des heutigen Rehmer Heimathauses, geworden. Bekannt sind weiterhin: Heinz Fattiger, Wilhelm Rottwilm und Alfred Althoff. Der Uniformierte Hundehalter in der Mitte des Bildes ist ein Mitarbeiter des Nachtschutzes Willy Schmidt.
    Der Hund von Heinz Fattiger hieß „Bodo von der Rehmer Insel“ und war von Bäckermeister Willy Schürmann gezüchtet worden. Der griffigste und kapitalste Hund war einer der beiden schwarzen Schäferhunde von Alfred Althoff, auf dem Bild 3. von rechts. Das Tier hatte so viel Kraft, daß es seinen Herrn, trotz des angelegten Stachelhalsbandes, auf dem Fahrrad bis nach Bergkirchen zog. Das Tier wurde als Wachhund an die Firma Landre` & Bartels verkauft. Dort war man mit den Leistungen des Hundes als Wächter nicht sehr zufrieden. Ihm fehlte eben der Einfluß seines Herrn.“

    Die doppelte Bedeutung des Rehmer Braken

    Nach über 100 Jahren nistennun wieder Störche auf der Bad Oeynhausener Seite des Wiehengebirges.
    Möglich wurde das, nachdem Naturfreunde um Erwin Mattegit und Dr. Walter Jäcker eine Nistmöglichkeit am Südlichen See errichtet hatten.

    Nachdem nun festgestellt wurde, daß die Störche dort, in Porta Westfalica, das meiste Nistmaterial vom anderen Weserufer – also aus Rehme – holten, bekam der Begriff “Rehmer Braken” eine völlig neue Bedeutung! Unter diesem Namen kennt man seit Jahren den beliebten Schnaps des Rehmer Heimatvereins. Jetzt ziert ein neues Etikett die Flasche mit dem hochgeistigen Getränk, in dem ein echter “Braken”, ein Wermutzweig, schwimmt. Die Heimatfreunde Michael End, Horst Jäcker und Dr. Walter Jäcker waren der Meinung, daß die Geschichte des “Rehmer Braken” auf vielen Flaschen Schnaps dokumentiert sein müsse. Die von Ihnen neu entworfenenen Flaschenetiketten zeigen den Stroch mit “Rehmer Braken” im Schnabel. Hinzufügen muß ich noch, daß man in Westfalen kleine Äste als Braken bezeichnet.

       Rehmer Braken                  


     Storch mit Rehmer Braken      Nisthilfe am Weserbogen mit Storchennest

     

    Die Alte Pumpe des Fährhauses von Ditzen ist ein gutes Stück Rehmer Geschichte.


    Es ist ein glücklicher Zufall, dass diese erste Pumpe aus dem „Alten Fährhaus von Ditzen“ vor vielen Jahren (allerdings in schrottreifem Zustand) dem Enkel Karl von Ditzens, unserem leider inzwischen verstorbenem Heimatfreund Karl-Heinz Rottwilm in die Hände fiel. Der talentierte Heizungsbaumeister verband beim Restaurieren seine Verpflichtung zur Erhaltung alten Familiengutes mit seinem handwerklichen Können und machte daraus das Schmuckstück, das jetzt wieder im Heimathaus zu besichtigen ist.

    Das Haus des Rehmer Heimatvereins wurde im Jahre 1761 als Fährhaus vom Werrefährmann von Ditzen erbaut. Die Hauswasserversorgung erfolgte durch einen Ziehbrunnen. Der Brunnen ist auch heute noch unter der Pumpe im Hof unseres Heimathauses vorhanden. Für die damalige Zeit war das eine sehr fortschrittliche Anschaffung, denn es verfügten nur wenige Höfe über solche Einrichtungen.

                                                        

    Die Pumpe wurde von örtlichen Handwerkern gebaut. Der Schwengel und die Kolbenstange sind von Hand geschmiedet. Der Kolben und die Ventile sind aus Eichenholz und die Ventilabdichtungen aus Leder hergestellt. Zur Arbeitserleichterung ist im Gehäuse ein Bleigewicht angebracht. Das Pumpengehäuse wurde in der im Jahre 1844 gegründeten Firma Eisenwerk Weserhütte, Kuntze und Pottharst, Rehme an der Weser“ gegossen. Die Gießerei, die den Namen „Weserhütte“ als erste trug, war sehr primitiv. Obwohl sie am Borstenbach, dort wo später die Mühle Herzog war, der zwei Mühlen betrieb, lag, gelang es aus finanziellen Gründen zunächst nicht einmal, die Wasserkraft zu nutzen. So mussten, wenn der kleine Kupolofen Frischluft brauchte, Arbeiter ins Tretrad steigen, um das Gebläse anzutreiben. Erst Jahre später wurden die Treter, nach ihrem Wohnort nur die „Gohfelder“ genannt, von zwei Eseln abgelöst.
    Als diese Pumpe dort gebaut wurde, hatte die „Weserhütte“ genau zwei Jahre zuvor, nämlich am 25. Januar 1854, die Genehmigung der Königlichen Regierung in Minden bekommen, „am Mühlenbach ein Stauwehr zum Betrieb einer Eisengießerei vermittels eines oberschlächtigen Wasserrades“ anzulegen. Die Gießerei, der außer der Putzerei eine mechanische Werkstatt angegliedert wurde, blieb trotz der Neuerung bescheiden. Noch 1859 lag die Zahl der Beschäftigten unter 50. In zwei Kupolöfen wurden 350 000 Pfund Gussteile im Wert von 15 750 Talern erzeugt. In den nächsten Jahren gingen Produktion und Umsatz sogar zurück. Und das in einer Zeit, wo in anderen Orten die Industrialisierung große Fortschritte machte! In Deutschland gaben erste Eisenbahnen und Fabrikbauten den Zulieferern Auftrieb. Im Ruhrgebiet wurden bereits Achsen, Federn und Räder aus Gußstahl hergestellt. Die Rehmer Gusshütte musste sich damit begnügen, in der Hauptsache eiserne Töpfe, Herdteile, Zubehör für landwirtschaftliche Geräte und Pumpengehäuse herzustellen. Dennoch trug dieses Rehmer Unternehmen, die spätere Weserhütte, nicht unwesentlich zum Aufschwung in Ostwestfalen bei, denn die paar tausend Taler Lohn fielen in der Bevölkerung ins Gewicht. Zur Gründungszeit der späteren Weserhütte gab es Bad Oeynhausen noch nicht, dies war ein Rehmer Unternehmen. Der Gründer Pottharst starb 1863.
    Das ist nun alles Geschichte, geblieben ist den „Rehmer Heimatfreunden“ und allen Besuchern im „Alten Fährhaus von Ditzen“ diese herrlich restaurierte Pumpe. Herzlichen Dank an Karl-Heinz für das gelungene Werk!

    Niehage Freie Presse  3. Dezember 1949 001